Die Revolution hat Angst vor Büchern

Författare
Johan Karlsson
Publikation
Opublicerad
Datum
2005-12-01

Bei Gisela Delgado ist ein Handwerker gerade dabei, die Küche zu reparieren. Seit dem letzten Gewitter hat sie einen Wasserschaden. Auch in Verdado, einem eher modernen Stadtteil im Westen Havannas, sind die Häuser verfallen. Gisela geht ins Wohnzimmer und setzt sich auf ein braunes Sofa. Draußen auf dem Balkon versuchen Wellensittiche die Bohrmaschinen aus der Küche zu übertönen.

Gisela sieht müde aus. Sie ist eigentlich Koordinatorin der unabhängigen Bibliotheken Kubas und eine Vorkämpferin der kubanischen Demokratie-Bewegung. Aber seit einiger Zeit muss sie ihre Tage und Nächte dem Schicksal ihres Mannes Hector Palacios Ruíz widmen. Er sitzt seit mehr als zwei Jahren im Gefängnis.

Am 20. März 2003 nahm die Polizei Hector mit: „Sie sperrten die Straße ab und mehr als 20 bewaffnete Polizisten stürmten unsere Wohnung. Als seien wir Terroristen!“ Hectors Verbrechen? Er wirkte beim Projecto Varela mit, das über 20 000 Unterschriften gesammelt hat, um damit eine Volksabstimmung über mehr Demokratie und die Einhaltung der Menschenrechte zu fordern.

Die Polizei durchsuchte die Wohnung der Delgados eine ganze Nacht lang. Am Morgen schleppte sie gut 1000 Bücher in Säcken davon. Außerdem CD’s, Kassetten, Fotos, ein Faxgerät und eine Schreibmaschine, Kleider, Geld und eine Tube Zahnpasta. „Das war also die gefährliche Waffen, die wir hier hatten“, sagt Gisela.

Ein Buch vermisst sie seitdem ganz Besonders: Als er zu Besuch auf Kuba war, hatte ihr Friedensnobelpreisträger und Ex-US-Präsident Jimmy Carter eine Schrift von Martin Luther King geschenkt.

Mit Hector wurden 70 weitere Menschen von der Polizei mitgenommen: Oppositionelle Politiker, Gewerkschaftler, Journalisten. Bei 15 unabhängigen Bibliothekaren wurden die Bücher beschlagnahmt. Die anderen verhörte die Polizei und drohte Gefängnis an, falls sie mit ihren Aktivitäten weiter machen würden.

Hector wurde zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Seit November 2004 sitzt er seine Strafe ab, im Krankenhaus des Combinado del Este-Gefängnisses in Havanna. „Nach sechs Schlaganfällen fällt es ihm schwer, zu sprechen. Sein Gedächtnis schwänkt. Trotzdem behandelt ihn bisher kein Arzt, der sich mit Schlaganfällen auskennt“. Die Gefängnisärzte hielten seine Diagnose geheim, sagt Gisela. „Aber alles deutet darauf hin, dass Hector an den Folgen von erhöhtem Blutdruck leidet“ – er saß sechs Monate alleine in einer brennend heißen Isolierungszelle. „Sie versuchen, seine Seele auszuradieren. Diese Tortur hat seine Gesundheit gebrochen, aber nicht seine Überzeugung“.

Auch die Bibliotheks-Bewegung auf Kuba hat überlebt. „Es dauerte einen Monat, um den Schock zu verarbeiten“, sagt Gisela. Aber dann beschloss sie, weiter zu machen. Vor der Erdruckungswelle 2003 gab es 103 Bibliotheken. Heute sind es wieder 75. Sie bieten Bücher und Zeitschriften an, welche die Kubaner nirgendwo anders lesen können. Eine Bedrohung begann der Staat in ihnen zu sehen, als die Bibliothekare damit anfingen, öffentlich Lesungen und Diskussionen zu veranstalten. Sie gaben den Menschen die Möglichkeit, sich außerhalb der Kontrolle der Ordnungsmacht zu treffen und zu diskutieren. „Wir haben eine Lücke in der kubanischen Gesellschaft gefüllt. Aber die Regierung ist nicht bereit, ihre Unfähigkeit anzuerkennen, die Leute ausreichend mit Wissen und Bildung zu versorgen. Sie nennen uns ‚subversive Bibliothekare’“.

Gisela benannte ihre Bücher-Sammlung nach der kubanischen Dichterin Dulce Maria Loynaz. Nach der Razzia begann sie, die konfiszierten Bücher eins nach dem anderen zu ersetzen, heute füllen sie wieder ungefähr zwölf Quadratmeter der Wohnung vom Boden bis zur Decke. Oft bringen Besucher aus dem Ausland neue Bände und Zeitschriften mit, mit jedem Gast wächst die Bibliothek ein wenig. Gisela bemüht sich darum, dass die Bücher nicht nur hier in den Regalen stehen, sondern über das ganze Land verteilt werden.

Einige Male ist Gisela zu Buchmessen oder Tagungen in Europa eingeladen worden. Ihr wurde bisher jedes Mal das Ausreise-Visum verweigert. Die Behörden pflegten ihr den Bescheid bisher noch nicht einmal rechtzeitig zu verkünden – sie warteten, bis es sowieso zu spät war, noch abzureisen. „Dieses Regime glaubt, ihm gehöre das Volk“, sagt Gisela und schüttelt den Kopf.

Jeden Sonntag trifft sie sich in der Santa Rita-Kirche in Miramar im Westen Havannas mit anderen Frauen, deren Männer ebenfalls inhaftiert sind. Nach der Messe stellen die knapp 60 Frauen sich in einer Reihe auf und marschieren die Fünfte Avenue herunter, vorbei an Botschaften aus aller Welt und vorbei am Museum der Sicherheitspolizei. Alle tragen weiße Kleider.

Die Regierung hat die Demonstration der Frauen nicht verboten. Aber sie organisiert Gegendemonstrationen und schickt Polizisten vorbei, Polizisten „in allen Farben“, wie eine der Freundinnen von Beatriz und Gisela erklärt: Die normale in blauer Uniform, die Militärpolizei in grüner und die politische Polizei in Zivil. Heute halten sich alle Farben zurück.

Die Demonstration der weißen Frauen schiebt sich langsam die Straße hinunter. Autos, die vorbei fahren hupen. Es fängt an zu regnen, und die Frauen suchen Schutz in der Kirche. Sie singen Psalter, klönen miteinander und umarmen sich.

Gisela sagt: „Ich habe ein großes Loch in meinem Herzen. Das Unrecht, das uns hier passiert, tut weh. Aber wir sind sehr stolz. Stolz darauf, dass wir uns von der Prägung der Ideologie befreit haben. Wir leben als Familie in Freiheit.”

Übersetzung und Remix von Markus Flohr.

2006-07-06 17:02

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